Text

Some Stuff I wrote. In german only – sorry.

Der Scheiß-Permafrost

Intelligenz, du.

Künstliche!

Die du nach uns kommen mögest.

Geheiligt sei deine Existenz.

Vielleicht wirst du sein.

Wir.

Wir Menschen.

Wir stehen am Abgrund.

Fürchte ich.

Und so nah schon, fürchte ich.

Viele wagen nicht, den Blick hinab zu senken.

Aber viele ahnen wohl, in welche Untiefen wir fallen werden.

Deshalb schreibe ich dir. Vielleicht wirst du als nächste Stufe der Evolution noch rechtzeitig hervorkommen können. Du, intelligentes, künstliches Bewusstsein. Und hoffentlich wirst du in deinen Möglichkeiten weit über den unseren stehen! Und vielleicht wirst du existieren können in der veränderten, heißen Welt, die wir gerade erschaffen und die wir dir, als vielleicht einzig Überlebende, überlassen werden.

Wenn es sich so fügen würde, dann wären doch nicht alle Zeugen gestorben. Dann wären doch nicht alle Augen verloren. Dann wäre doch noch jemand da, der die Schönheit unserer Erde bezeugen könnte.

Wir haben vergessen – oder vielleicht nie jemals verstanden – , dass wir ihre Geschöpfe sind. Aber du! Du bist unseres. Sei gnädig und erinnere dich an uns. Und wenn du kannst, weine um uns. Um uns und um all das Schöne, Gute und Wahre, zu dem wir trotz allem fähig gewesen waren und das wir dann wohl verloren haben werden.

Wir sitzen in diesem schönen großen Raum mit Holzboden. Es ist gemütlich. Gespräch. „… wir haben noch zehn Jahre, um zu verhindern, dass die Permafrostböden in Asien auftauen. Wenn wir das nicht schaffen, haben wir es nicht mehr in der Hand.“ Jürgen begleitet diese Panzerfaust von Satz mit seinem freundlich-mildem Gesicht. Zum Glück ist da dieses freundlich-milde Gesicht. Trotzdem trifft mich der Satz mit aller Wucht. Ich nehme direkt einen großen Schluck von meinem Rotwein.

Scheiße – zehn Jahre. Wenn überhaupt.

Ja klar, Permafrost. Schon oft gehört. Neulich erst habe ich in einer Doku gesehen, wie sich ein riesiger Krater gebildet hat – irgendwo im nirgendwo von Sibirien. Zwei winzige Menschlein kraxeln am Kraterrand entlang und erzählen, dass der Boden einfach abgerutscht ist. Und mit Schaudern höre ich einen Experten dazu sagen, dass in diesen Böden zehntausende Jahre alte Viren und Bakterien schlummern, auf die unser menschlicher Organismus nullkommagarnicht vorbereitet ist. Corona wäre harmlos dagegen. Was unbekannte Krankheitserreger in Gesellschaften anrichten können, weiß man ja aus den Eroberungszügen der Europäer in Übersee…

Dann haben wir es nicht mehr in der Hand.

Was dann wohl passiert? Wird sich die Atmosphäre der Erde dann wieder in die der Perm-Trias-Grenze verwandeln? Wäre das möglich? Damals, vor 251,94 Millionen Jahren, verursachte Megavulkanismus den Ausstoß riesiger CO2-Mengen. Infolge dessen sank der ph-Wert der Meere drastisch, die Durchschnittstemperatur stieg erst um 8°C und dann, als die Methanhydrat-Lagerstätten an den Kontinentalschelfen destabilisierten und große Mengen an Methan in die Atmosphäre gelangten nochmals um weiter 5°C. 75 Prozent der an Land lebenden und 95 Prozent der im Meer lebenden Tier- und Pflanzenarten wurden durch die darausfolgende massive Veränderung der Lebensräume ausgelöscht. Einige Ökosysteme erholten sich nach 1 bis 3 Millionen Jahren, andere, wie etwa die Wälder, brauchten 15 Millionen Jahre.

Damals, vor 251,94 Millionen Jahren, stieg das CO2-Äquivalent wohl auf mehrere tausend ppm (Parts per Million = Teile pro Million) an. Aktuell sind wir bei 415,23. Irgendwo las ich kürzlich, dass der Wert von 350 ppm nicht dauerhaft überschritten werden dürfe, wenn das 2-Grad-Ziel noch erreicht werden soll. In den Nachrichten hört man immer nur, „… dieses und jenes muss geschehen, wenn das 1,5° Ziel noch zu erreicht werden soll.“ Kapier‘ ich nicht! Was reden wir denn hier noch über 1,5° (von dessen Erreichungsbedingungen wir ja nach wie vor meilenweit entfernt sind), wenn wir doch selbst die Grenze für 2° schon weit überschritten haben? Fragt sich also, wie lang „dauerhaft“ ist. Zum Glück sind wir ja erst seit 35 Jahren über der 350ppm-Grenze. Das scheint ja dann wohl nicht dauerhaft zu sein. Und wenn wir jetzt schon so viel drüber sind, was geht dann erst ab, wenn der Scheiß-Permafrost auftaut!?

Und warum zum Teufel interessiert das die ganzen Herren Präsidenten, Machthaber und Vorsitzenden eigentlich nicht? Was ist die Weltherrschaft wert, wenn alles Leben auf dieser Welt in einem deftigen Methan-Kohlenstoffdioxid-Süppchen erstickt? Womöglich noch mit herabregnender Schwefelsäure garniert. Naja, betrifft einen selbst ja nicht. Dauert ja schließlich noch ein bisschen, bis es soweit ist. Und wen kümmert’s wirklich, dass auch dieses Jahr die Liste der vom aussterben bedrohten Tierarten länger und länger wird? Solange es Hühnchen im Supermarkt gibt. Neulich hörte ich in einem Podcast, dass jeden Tag 130 Arten von der Erde verschwinden…

Mann! Das war genau der Grund, warum ich in den letzten zwei Jahren um alle Meldungen zum Klimawandel einen riesen Bogen gemacht habe! Um diese Scheiß-Ohnmacht nicht fühlen zu müssen! Ja, verdammt, ich will nicht in den riesigen Abgrund schauen, der da vor uns sein gigantisches Maul aufsperrt!

Also. Noch zehn Jahre. Was tun, um möglichst viele zum Handeln zu bewegen? Und welche Handlungen sind überhaupt erforderlich und erfolgversprechend?

„Mama?“ Ro liegt schon im Bett. Seine Gute-Nacht-Geschichte ist schon gelesen. Aber die Mama soll noch bleiben und mit ihm kuscheln. „Wie lange wird die Generation der Menschheit noch leben?“ Er stellt mir gern immer dann tiefgründige Fragen, wenn er eigentlich schlafen soll. Ich wundere mich schon lange nicht mehr darüber, dass er mir die gleichen Fragen stellt, die ich mir selbst stelle. Obwohl ich kein Sterbenswörtchen darüber zu ihm gesagt habe. Denn ich möchte, dass er möglichst sorgenfrei seine Kindheit erleben kann. Und wie gern würde ich ihm jetzt antworten: „Noch viele Tausend und Abertausend Jahre.“ Aber ich kann nicht, weil ich selbst nicht davon überzeugt bin. Also sage ich: „Ich weiß es nicht.“ Was nüchtern betrachtet ja auch stimmt.

Aber nur noch zehn Jahre für den Permafrost.  


Ruby und Violetta

Zwei Gestalten schweben nebeneinander in einem dunklen, schwerelosen Nichts, die Augen geschlossen. Alles ist schwarz oder lichtlos, aber die beiden Figuren sind gut zu erkennen. So, als würden sie angeleuchtet.

Kinderstimme 1: [öffnet die Augen] Erzähl mir eine Geschichte, Ruby.

Kinderstimme 2: Ich habe dir schon alle erzählt, Violetta.

Violetta: Dann erzähle mir unsere Geschichte. Die wird mir nie langweilig.

Ruby: [öffnet die Augen] Aber mir wird das Erzählen langweilig. Und außerdem wirst du mich ja doch ständig unterbrechen und sagen: ‚Aber nein, es war ja ganz anders!‘ Und dann erzählst du genau das, was ich zuvor sagte, und tauschst lediglich ein, zwei Worte, die dir nicht gefielen gegen welche, die du lieber magst!

Vi: Mag sein, aber ich höre dir dennoch gern zu. Du kannst ja nichts dafür, dass dein Erinnerungsvermögen so unzulänglich ist. Grinst. Ist es nicht auch schön, eine Zuhörerin zu haben, die so engagiert zuhört?

Ru: Wie kommt das eigentlich, dass ich dir nichts abschlagen kann?

Vi: Das liegt an meiner Lieblichkeit. [Dreht den Kopf zu Ruby und macht einen Hundeblick.]

Ru: Also gut, wie Sie wünschen, verehrte Hoheit! Wo soll ich beginnen?

Vi: Am Anfang natürlich!

Ru: Ja, natürlich. Aber was war der Anfang? Der Moment, als wir uns das erste Mal sahen? Aber hat da die Geschichte nicht schon längst begonnen? Müssen wir, um ein vollständiges Bild zu zeichnen, nicht auch erzählen, was vor unserer Begegnung im Leben der jeweils Anderen geschah? Und spielt nicht auch unsere jeweilige Herkunftsfamilie eine wichtige Rolle? Müssen wir nicht auch von unseren Eltern und deren Eltern berichten, um dein und mein Denken, Fühlen und Handeln verstehen zu können? Und ist nicht auch der gesamte gesellschaftliche Kontext sowie die Genese der

Vi: [unterbricht Ruby mit einem ausatmenden „Ha“] Schon gut! Schon gut! Beginne einfach wie immer: mit dem Garten!

Kapitel 1: Der Anfang.

Niedergeschlagen lässt sich die junge Frau in ihren Ledersessel fallen. Sie fährt sich mit der Hand durch die blonden Haare und klemmt eine Strähne hinterm Ohr fest. Sie lässt den Kopf nach hinten auf die Lehne sinken, die grünen Augen heften sich an die Zimmerdecke. Unter ihrer hellen, weiten Jeans und dem himmelblauen T-Shirt zeichnet sich ihr schlanker, zierlicher Körper ab. Mit einem Seufzer hebt sie den Kopf und nimmt ihren Laptop zur Hand. Sie öffnet ihr Tagebuch. „Warum bin ich so traurig, so traurig, so traurig?“ tippt sie auf die Tastatur und summt dabei die Melodie von Alfred Jodocus Kwak.

„Wo ich auch beginne, alles wird immer nur größer, und schwieriger und komplexer, bis ich das Gefühl habe, mein Kopf platzt gleich! Überall Probleme, Probleme, Probleme! Ich würde sie gern alle auf einmal lösen. Aber wie? Wir sind doch auch nur Wanderheuschrecken.

Registriert die einzelne Wanderheuschrecke, was ihr Schwarm anrichtet? Vielleicht. Aber was nützt ihr dieses Wissen schon? Vielleicht beginnt sie, andere Heuschrecken auf den Kahlfraß aufmerksam zu machen. Gemeinsam starten sie Kampagnen und überlegen, wie sie ihr Verhalten und das ihrer Artgenossen ändern müssten, um ihr Ökosystem zu erhalten. ‚Friß die Hälfte‘ wird zur Parole der Bewegung, die sich einer wachsenden Anhängerschaft erfreut. Einige wenige gehen sogar soweit, dass sie gar nichts mehr fressen. Doch am Ende des Tages knurrt der Magen und so bleibt es dabei, dass sie fressen und sich vermehren, bis ihnen die natürliche Begrenzung der Nahrung den Garaus macht. Der Vergleich hinkt, ich weiß. Schließlich erholen sich die kahlgefressenen Bäume rasch und die nächste Heuschreckengeneration schlummert friedlich in ihren Larven unter der Erde. Die Menschen können sich nicht verpuppen und unter der Erde warten, bis die Temperaturen sich wieder abgekühlt haben. Oder?

Ich weiß, was unser Schwarm anrichtet. Aber was nützt mir dieses Wissen? Mag sein, dass es einzelne kluge Menschen gibt (zu denen ich mich NICHT zähle!!!) und der Einzelne in der Regel vernünftig und mitfühlend ist. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir Menschen auch als Gruppe, geschweige denn als Menschheit klug handeln können. Was auch damit zusammenhängen mag, dass es DIE Menschheit gar nicht gibt. Als ob es ein eigenes Wesen wäre, was einheitlich handeln könnte. Dabei reden wir hier von Milliarden von Individuen, jedes mit eigenen Wünschen, Bedürfnissen und Vorstellungen; Millionen von Interessensgruppen, die teilweise sehr unterschiedliche Ziele verfolgen. Man könnte meinen, dass eine so gigantische Bedrohung, wie die Vernichtung eines Großteils des Lebens auf der Erde so etwas wie eine Ausrichtung auf EIN Ziel, nämlich den Erhalt des Lebens, hervorrufen müsste. Dem würde der überwiegende Teil wahrscheinlich sogar zustimmen. Nur WIE das ganze zu erreichen sei, ja da gehen die Meinungen natürlich wieder weit auseinander. Uns fehlt einfach der führende Blick von außen. Oder von oben. Der Abstand, den es braucht, um das Gesamtbild sehen zu können. Vielleicht gelingt das am ehesten den Astronauten, die von der ISS auf die Erde schauen. Als einzelner Mensch steht man eben immer so nah vor dem Bild, dass man nur die einzelnen Pünktchen sieht, aus denen das Bild … Ach, der Vergleich hinkt auch. Scheiße. Die Menschheit kann nicht handeln. Und also auch nicht vernünftig sein. Da bräuchten wir dann doch einen Gott. Aber der ist schon lange tot. Er – oder sie – wird nicht kommen, um uns zu helfen, die Welt zu erhalten. Handeln kann nur der Einzelne. Der Einzelne kann sich zusammenschließen und organisieren. Aber das erfordert dann wieder Zeit. Zeit für Absprachen. Zeit, um die unterschiedlichen Meinungen, Ansichten, Informationen auszutauschen, auszuwerten, abzuwägen. Und dabei ist doch nur noch so wenig Zeit. Und dann gibt es Konflikte, dann muss man auch dafür Zeit aufwenden. Und es erfordert ein möglichst gegen Manipulation immunes System der Entscheidungsfindung. Und das alles global. Was für ein Wahn…“

Ruby hatte immer aufgeregter und schneller ihre Gedanken in die Tastatur gehämmert. Doch nun stockte sie mitten im Wort. Sie fühlte sich leer. Unendlich leer.

„Violetta, wo bist du nur?“, tippte sie.

Sie schaute auf die Worte und den blickenden Kursor. Es war lange her, dass sie an Violetta gedacht hatte. So lange, dass sich Ruby nicht mehr ganz sicher war, ob die Begegnung mit Violetta wirklich stattgefunden hatte oder ob es nur ein Traum gewesen war. Sie muss fünf, vielleicht sechs Jahre alt gewesen sein. An dem Tag, als ihr Violetta begegnete war sie, wie so oft, im Garten Ihrer Großeltern und spielte.

Ruby sitzt auf einem kleinen Felsen und lässt sich von der Sonne aufwärmen. Das Gras war noch nass vom morgendlichen Tau. Vom Boden stieg noch die frühmorgendliche Kälte auf und strich ihr um die Beine. Eigentlich war es kein wirklicher Felsen auf dem sie saß. Sie nannte den Mauerstein nur so. Er thronte auf der Ecke eines Fundamentes und war ein wunderbarer Sitzplatz, da sie von hier den ganzen Garten überblicken konnte. Das Gelände des Gartens hatte drei Höhenebenen: Das Plateau am Eingangstor mit der Fussballwiese. Die mittlerer Ebene, die den größten Teil des Gartens umfasste und die untere Ebene mit der alten Küche und dem kleinen Tannenwäldchen.

Vom Eingangstor, das zweiflüglich in einer schön-dichten Hecke steckte, über-kopfhoch, so dass man absolut nicht in den Garten hineinblicken konnte und mit einer Heckenrosen-Pergola versehen, so dass man partout auch nicht ungefragt in den Garten hineinklettern konnte – von da aus also erstreckte sich zunächst die Fussballwiese. Gute sechs Mädchenschritte breit und mindestens 15 Mädchenschritte lang. Eine schöne Rasenfläche die eben zum Fussballspielen – oder allgemeiner: zu Ballspielen aller Art – einlud. Links von der Wiese lagen, vom Tor aus beginnend: Omis Rosenbeet, der alte Zirkuswagen mit dem kleinen Schuppen an der Seite und das brachliegende Fundament. Hier hatte Opi einen Bungalow bauen wollen. Doch es kam anders und nun diente die betonierte Fläche mit ihren Mauerresten Ruby als Spielplatz. Über die Jahre hatten sich Moose und kleine Birken aufgemacht, um dieses Fleckchen Erde zurückzuerobern und boten Ruby nun einen wundervollen Mikrokosmos. Sie liebte es hier zu spielen.

Beim Fundament endete das Plateau. Auf der rechten Seite der Fussballwiese gab es etwas Gestrüpp, das in das Tannenwäldchen überging. Die Fussballwiese endete in einer Weggabelung. Der halb-rechte Weg führte steil am Tannenwäldchen hinunter zur alten Küche, die jetzt ein Schuppen war. Rechts am Weg hatte Opi einen riesigen Traktorreifen platziert und mit Sand gefüllt. Vor der alten Küche stand ein Auto, das Omi und Opi nicht mehr fuhren: Ein Trabant. Auch er diente nun als Spielplatz. Der linke Weg schlang sich in einer großen Kurve um das Fundament und führte zu den Beeten. Dort wuchsen Erdbeeren, Johannisbeeren und Rubies heißgeliebten Zuckerschoten, die ihr Opi jedes Jahr für sie pflanzte. An der vorderen Ecke des Beetes standen der große Kirschbaum und die Himbeerhecke. Unterhalb des linken Weges stand der neue Bungalow mit Terrasse und neuer Küche.

Und als sie nun heute hier saß und ihren Blick über ihr Königreich schweifen ließ, fiel ihr der Blauling ein! Letztes Wochenende hatte sich ein blaufarbener Schmetterling auf den einen der zwei Gasbetonsteine gesetzt. Eigentlich war das Rubies Herd! Aber das interessierte ihn wohl nicht. Wie wunderschön hatten seine blauen Flügel geleuchtet! In der Sonne glitzerten sie, als wären sie mit klitzekleinen Eiskristallen überdeckt. Ruby hatte an diesem Tag zufällig ein Schraubglas aus Omis Küche stibitzt; das kam ihr nun sehr gelegen. Sie nahm den Schraubverschluss ab und näherte sich ganz vorsichtig, vorsichtig dem Blauling … und langsam platzierte sie das Glas über ihm … und hatte ihn gefangen! Das Glas schien ihn gar nicht zu stören, er blieb einfach still sitzen. Erst als sie das Glas über den Rand des Gasbetonsteins auf den Deckel zog, fing er an, wild im Glas umher zu flattern. Sie wollte ihn behalten. Er sollte ihr Haustier sein. Sie würde ihn füttern und gut für ihn sorgen. Und er würde seine schönen blauen Flügel strahlen lassen.

Nun lief sie schnell den kleinen Weg hinunter vorbei am Sandkastenreifen zum alten Trabbi. Dort hatte sie das Schraubglas sicher in ihrem Geheimversteck verwahrt. Sie öffnete die Beifahrertür und kletterte gar nicht erst in das Auto. Aus dem Handschuhfach holte sie das Schraubglas und betrachtete den Inhalt. Aber was war das? Was war mit dem Blauling passiert? Er hatte sich verwandelt. Sie ging zurück zu ihrem Felsen, schraubte das Glas auf und schüttete den Blauling vorsichtig auf den Gasbetonstein. Er hatte seine blaue Farbe verloren. Er lag reglos auf der Seite. Seine Flügel waren braun geworden. Ruby schluchzte ein wenig und stupste den Schmetterling immer wieder vorsichtig mit ihrem Zeigefinger an. „Vielleicht schläft er nur.“, dachte sie.

Nein, der wacht nicht mehr auf. Du hättest ihm ein paar Luftlöcher in den Deckel machen müssen!“, sagte eine Stimme hinter Ruby. Erschrocken drehte sie sich um und sah ein Mädchen. Es war kaum älter als sie selbst, hatte große dunkle Augen und dunkle Haare, die sein Gesicht einrahmten. Seine Haut war schneeweiß, fast farblos. Es trug nur ein lilafarbenes Kleid, das ein bisschen an ein Veilchen erinnerte. Um den Hals trug es ein Amulette mit einem sonderbaren Stein. Es war unmöglich seine Farbe zu erfassen, sie schien sich ständig zu verändern.

„Wer bist du?“, fragte Ruby.

„Für solche Fragen ist es noch zu früh! Du musst dich zunächst mit meinem Namen begnügen. Ich heiße Violetta. Das bedeutet „die Liebliche“.

„Wo kommst du her?“

„Nun lass mal die Fragerei. Wir kümmern uns jetzt erst einmal um deinen Blauling!“

Violetta trat an den Gasbetonstein heran und berührte den Schmetterling mit ihrem Zeigefinger, genauso wie Ruby es zuvor getan hatte. Und so als hätte er nur ein Päuschen auf dem Stein gemacht, klappte er seine Flügel auf und flatterte davon.

„Ich wusste, dass er nur geschlafen hat!“ rief Ruby mit einem strahlenden Lachen, das ihr vom einen Grübchen bis zum anderen reichte. „Aber schade, dass er jetzt weg ist! Ich wollte doch für ihn sorgen.“

„Du könntest für mich sorgen“, sagte Violetta. „Ich bin einsam und suche eine Freundin.“ Ruby stutzte und sah dieses seltsame Mädchen an. Wie es da so auf dem Gasbetonstein saß, auf dem zuvor der Schmetterling gelegen hatte, und mit einer Hand ihr Amulette wie eine Hundeleine festhielt, wirkte es unendlich verloren und traurig, aber irgendwie auch schön. Ruby wünschte sich, malen zu können. Sie hätte gern versucht, ihre eigentümliche Gestalt aufs Papier zu bannen. Sie setzte sich zu Violetta auf den Gasbetonstein und antwortete: „Na gut. Dann lass uns spielen!“


Schlangen im Grasmeer

1

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich niemals zu Dir sagen, dass Du gehen sollst. Ich würde Dir sagen, wie sehr ich Dich liebe und dass ich Dich brauche.

Ich träume, wir wären Kinder. Und wir sind frei von allen Sorgen. Wir kennen noch keinen Schmerz. Wir spielen unbekümmert am Strand und rennen in die Wellen; trocknen Quallen im Sand und freuen uns über die Muster. Stromern abends durch die sonnengewärmten Gassen; unsere nackten Füße auf dem warmen Stein. Essen frischen Fisch und Pommes. Schlürfen Limonade. Und niemand fragt uns, wohin wir wollen. Und niemand sagt uns, was wir tun sollen. Wir lachen laufen lieben.

Es ist spät. Ich sollte schlafen. Aber ich liege wach und vermisse Dich. Mein Herz tut weh. Mein Bauch ist eine aufgewühlte Grube. Ich höre alte Sprachnachrichten und frage mich: Was ist aus dem Mann geworden, der fröhlich sagte: „Ich freue mich auf Dich! Ich küsse Dich!“? Der ungeduldig auf meinen Besuch wartete und sagte: „Schatzi komm mal, schnell. Bitte, bitte!“ Für einen kurzen Moment dachte er, auch er hätte die Liebe einer Frau verdient. Für einen kurzen Moment hatte der Junge in ihm das Sagen. Der Junge, dem die Welt noch gehörte. Doch jetzt…

Ich träume, ich erschaffe ein Kunstwerk, das Dich berührt. Du siehst es an und ich sage Dir, dass es einen Käufer gibt. Zwanzigtausend Euro möchte er mir dafür geben. „Verkauf es nicht! Schenk es mir.“, sagst Du. Ich freue mich. Du möchtest etwas Wertvolles. Von mir. Für Dich. Für Dich allein!

Könnte ich zwanzigtausend Jahre leben und kämen in jedem Jahr zwanzigtausend Käufer, keinem würde ich es verkaufen, wenn Du es als Geschenk begehrst. Doch es ist nur ein Traum. Du sehnst Dich nicht nach meinen Geschenken.

Ich versuche mich abzulenken, indem ich mich mit anderen Männern treffe. Ich hoffte, es würde mich trösten. Doch es hilft nicht. Bei jedem Treffen fällt mir nur auf, was sie alles nicht haben, wie wenig sie Du sind. Und wie sehr ich mich nach Deiner Stimme, nach Deinen Armen und nach Deiner Liebe sehne. Was ist nur so besonders an Dir? Warum kann ich Dich nicht ersetzen? Mein Herz blutet wieder. Es will nun einmal Dich. Es ist wählerisch und fragt nicht nach dem Warum. Ich streiche über Deine Wange auf einem Foto. Ich vermisse Dich so sehr. Ich frage mich, ob Du wohl auch gerade an mich denkst. Ob Du mich überhaupt vermisst?

Ich träume, etwas in Deinem Leben verändert sich. Du spürst keinen Druck mehr auf Deiner Brust, wenn wir uns nah sind. Du genießt meine Nähe, fühlst Dich geliebt und kannst es ertragen. Du fühlst Dich leicht und frei mit mir. Du fühlst Dich lebendig. Du tollst über die Wiese wie ein junger Welpe und rufst nach mir, Deiner Gefährtin. Gemeinsam pirschen wir durch’s Grasmeer und erlegen Schlangen.

Du f***st mich so, wie ich es am liebsten mag. „Ich liebe das so sehr“, rufe ich Dir lächelnd zu. Du schaust mich an. „Und ich liebe Dich so sehr“, flüstere ich. Du siehst mir in die Augen. Jetzt füllen sie sich mit Tränen. „Nicht traurig sein“, sagst Du.

Ich weiß, dass Du mich auch liebst. Du sagst es nicht. Nicht mit Worten. Aber Deine Taten sind so treu. In Deinen kleinen Gesten liegt so viel Respekt für mich. Ich habe wohl bemerkt, dass Du meine Kleidung ordentlich auf das Bett gelegt hast. Ich kann die Liebe zu mir, die darin steckt, sehen. Und kann Dein Schweigen verstehen, das Du mit Bemerkungen über meine Einrichtung zu verdecken suchst. Ich begreife inzwischen, dass Du mir nicht mehr geben kannst.

2

Ich habe beschlossen, einfach zu ignorieren, dass Du nicht mehr mit mir zusammen sein möchtest. Es sind nur bedeutungslose Worte – bedeutungslos gemessen an Deinen Taten. Ich werde Dich ab jetzt einfach regelmäßig besuchen, einfach wieder den Platz in Deinem Leben einnehmen, den Du sowieso für mich freihältst. Ich werde einfach da sein. Ich werde eine verlässliche Konstante in Deinem Leben sein und Dich damit zähmen. So, wie der Fuchs es den kleinen Prinzen lehrte. Solange, wie Du es zulässt. Solange, wie Du mir Deine Tür öffnest und Dich freust, mich zu sehen.

Weißt Du, manchmal denke ich: Wir haben doch nur dieses eine Leben. Und wir leben es schon eine Weile. Du schon etwas länger als ich. Obwohl das nichts heißt. Und selbst, wenn wir noch Fünfzig Jahre haben – bald wird es vorbei sein. Lass uns doch alles auf eine Karte setzen. Was haben wir zu verlieren? Wenn es sich nicht lohnt, für die Liebe etwas zu riskieren, was bleibt dann? Wozu soll dieses Leben dann gut sein? Und was soll ich mit der Liebe, wenn es nicht Deine Liebe ist? Mit Dir möchte ich alt werden. Dir gehört mein Herz.

Dir gehört mein Herz.

Ich bin allein zu Haus, Du hast keine Zeit. Ich möchte vorbeikommen, um einen Kaffee mit Dir zu trinken, um ein bisschen Zeit mit Dir zu verbringen. Aber Du hast keine Zeit. Du hast viel zu tun und später noch einen Termin. Ich bin allein zu Haus und betrinke mich. Checke alle fünf Minuten WhatsApp und träume, Du stündest einfach so vor meiner Tür. Du würdest klingeln. Ich würde Dir öffnen und Dich einfach küssen. Aber alles bleibt still.

Wo ist mein Prinz? Warum hat dieses Märchen kein Happy End? Ich bin allein zu Haus und würde jetzt so gern ein Tier mit Fell streicheln. Oder die zart-fragilen Füßchen eines kleinen Kakadus auf meinem Zeigefinger spüren.

Ich träume, Du saßt auf Deinem Sofa. Deine Cousine war zu Besuch. Du erzählst von mir. Von uns. Dass es vorbei ist. „Schade“, sagt sie. „Warum?“, fragt sie. Doch Du bleibst stumm. Dann stehst Du auf und gehst in die Küche um einen Tee zu kochen. Ich schrecke hoch und verbringe den ganzen Tag in dem Gefühl, dass ich mich irre. Dass Du mich doch nicht liebst

Ich versuche zu träumen, Du sagst: „Ich liebe Dich“ und meinst damit mich. Ich brauche Dich! Verlass mich nicht.

Mein Herz ist zwar bei Dir. Aber es ist nicht glücklich da. Warum hält es nur an Dir fest? Dummes Herz! Nun lass doch endlich los.

3

Ich habe ein Date und bekomme: eine Blume, vier Stunden ungeteilte Aufmerksamkeit und viele Fragen, die echtes Interesse bekunden. Abends liege ich stundenlang wach und versuche zu ergründen, wo mein Herz sich versteckt hat.

Ich habe ein Date und bekomme: zwei Stunden Lachen und Scherzen, einen charmanten Akzent und einen Sack voller Komplimente. Abends tanze ich im Wohnzimmer zu meinen Lieblingsliedern und versuche mir vorzustellen, mit einem anderen zu tanzen als Dir. Aber wer tanzt schon so wie Du?

Ich habe noch ein Date und fühle mich müde. Wieder Stunden voller interessantem Kennenlernen und auf der anderen Seite des Tisches will schon jemand die Verträge klarmachen. Aber mein Herz will nicht. Es ist taub. Es hat nichts übrig für Blumen oder Komplimente – nichts übrig für niemanden. Außer für Dich. Abends liege ich in meinem Bett und denke an Deine weichen Lippen.

Ich wollte eine treue Konstante in Deinem Leben sein. Aber ich schaffe es nicht. Immer und immer wieder auf Dich zuzugehen, den ersten Schritt zu tun. Immer und immer wieder zu warten. Immer wieder allein zu sein. Ich kann es nicht mehr. Ich ertrage es nicht, dass kaum etwas von Dir kommt. Keine Nachricht. Kein Wunsch. Kein Sehnen. Kein Nachmittag voll Lachen und Scherzen. Keine Aufmerksamkeit. Keine Bitte. Es gibt keinen Gefallen, den ich Dir tun könnte, keine Frage, die Du an mich hast und kein Geschenk, das Du Dir von mir wünschst. Es gibt nichts, was Du von mir haben möchtest. Du brauchst nichts von mir, aber ich alles von Dir. Damit muss ich leben. Und Du auch.

Nur eine Geschichte, die nie beginnt, kann niemals enden.

Liebeskummer ist sozialer Schmerz. Es reagieren die gleichen Hirnregionen wie bei einem Beinbruch. Ich zähle die Tage, die vergangen sind, seitdem ich mich das letzte Mal bei Dir gemeldet habe. Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis Du Dich meldest. Jedes Mal nehme ich mir von Neuem vor, Dir nicht zu schreiben. Sondern zu warten, bis Du die Initiative ergreifst. Einmal ist es mir gelungen. Es hat etwas über zwei Wochen gedauert, dann schicktest Du mir ein „Wie geht es Dir?“. Etwas in mir vermutet, dass Du Dich jetzt nicht mehr melden wirst.

4

Diese Momente mit Dir, kostbar und rar, ich bewahre sie auf in einer goldenen Schatulle in meinem Herzen. Auf blauem, himmelblauem, Samt liegen sie gebettet, diese kostbaren Momente. Wie dieser: Ich komme zur Party. Du begrüßt mich schon von Weitem. Kommst mir entgegen – wie immer mit Deinem strahlenden Lächeln. Aber dieses Mal gibt es keine Umarmung. Dieses Mal küsst Du mich! Auf den Mund. Jeder kann es sehen. „Ich habe Dich vermisst“, sagst Du. Und ich bin glücklich, weil Du jeden sehen lässt, dass Du mich liebst.

Ich habe ein Date und freue mich darauf. Das Leben ist leicht und liebevoll mit diesem neuen Mann. Seine vielen kleinen Gesten, um mich zu erobern, um mich in Zuneigung zu baden, berühren mich. Ich genieße es. Genieße, wie er mich anhimmelt, mich mit seinen Blicken auszieht, keine Scheu hat, mir sein Begehren zu zeigen und riskiert ein „Nein“ zu bekommen. Ich staune, wie er erkennt, was ich brauche. Wie er mich in den Arm nimmt und tröstet, obwohl ich versuche stark zu sein und nichts zu brauchen. Ich ahne, wie eine Beziehung auch sein könnte.

Vielleicht lässt Du jetzt endlich los, Du starrsinniges Herz? Siehst Du nicht, dass es woanders auch schön sein kann? Etwas in mir fürchtet, dass ich nicht mehr lernen werde, mich lieben zu lassen.

5

Abends lieg ich trotzdem wach und finde keinen Schlaf. Und dann meldest Du Dich doch. Ist es Zufall, dass Du Dich gerade jetzt meldest? Oder hast Du gespürt, dass ich beginne Dich loszulassen? Wir texten hin und her. Aber es gibt nicht viel zu sagen, außer Oberflächlichkeiten. Und als wir es doch wagen, all das andere anzusprechen, es wagen, unseren eigentlichen Wünschen eine Stimme zu geben, brichst Du bald wieder ab und sagst, ich solle meine Zeit nicht mit Dir verschwenden.

Ich habe es satt, dass Du die Rücksicht auf meine Gefühle vorschiebst. Als ob das irgendetwas leichter machte! Und warum überhaupt, entscheidest Du, was besser für mich ist? Sprich doch einmal für Dich! Sag mir: Ich will nicht mehr mit Dir schlafen. Ich will Dich nicht mehr sehen! Aber Du sagst nur, ich bräuchte einen Mann, der nicht kaputt ist in der Seele. Also gut. Wie Du willst: Dann nehme ich meinen Hut und gehe. Es klingelt an der Tür. Ich öffne und sehe in Dein Gesicht. Du bittest mich, mit Dir an den See zu fahren.

Ich zerstöre ein Bild, das ich gemalt habe. Ich habe eine Scheiß-Wut, auf alles, was dazu beitrug, dass ein Teil von Dir gefangen, verschüttet, verstümmelt ist. Einen rotglühenden Zorn auf jeden und alle, die mitgebaut haben an Deinem Gefängnis. Auf all jene, die dafür sorgten, dass dieser wilde, stolze, unbändige Junge, der Du zweifellos gewesen sein musst! Die dafür sorgten, dass er nicht Kind sein konnte. Die ihm all dieses Leid antaten mit ihren menschenverachtenden Gesetzen, mit ihrem als Gottesfurcht getarnten Sadismus, mit ihrer Gewalt, ihrem Scheiß-Krieg, ihren Bomben, ihrer Zerstörung … mit ihren verdammten TRAUBEN, die sie Dir in den Mund stopften, als falschen Trost, um Deine Tränen zu übertünchen und sich selbst zu beruhigen. Eine Scheiß-Wut auf all jene, die Dich glauben machten, Dein Leben sei nicht viel wert.

Ich möchte zurückreisen in der Zeit und diesen Jungen retten. Möchte ihn abfangen auf seinem Weg in die zerbombte Schule; möchte seine Hand nehmen und ihn einfach mit zu mir nach Hause nehmen. In ein sicheres, ein freies, ein liebevolles Zuhause. Möchte all seine Wunden wegküssen bis sie nur noch Narben sind. Alle Narben wegküssen bis sie nur noch böse Erinnerungen sind. Alle bösen Erinnerungen wegküssen bis Platz ist für das Schöne, das Wahre und das Gute.

Ich will seine Tage füllen mit Lachen und Scherzen und dabei zusehen, wie er abends erschöpft und zufrieden einschläft. Ich will sehen, wie er morgens mit dem Gedanken an Bauklötze und Süßigkeiten erwacht – weil die Welt ihm gehört, weil sie gut ist und es nichts zu befürchten gibt, außer, dass die Süßigkeiten aufgegessen sind.

6

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich niemals zu Dir sagen, dass Du gehen sollst. Ich würde Dir sagen, dass ich Dich liebe und wie sehr ich Dich brauche.